Presse

2002 Stuttgarter Zeitung / von Adrienne Braun

Gemeinsame Nenner
Die Mitglieder des Kunstvereins stellen ihre Arbeiten aus

Kunst: ein Spiel. Ein leichtfüßiges Experiment mit den ästhetischen Formen und Ausdrucksmitteln, eine vergnüglichen Manipulation der Realität. Krieg? Gesellschaftskritik? Stellungnahmen zu aktuellen Problemen? Nichts von alledem bei der Ausstellung der Mitglieder des Württembergischen Kunstvereins im Kunstgebäude. Einmal im jahr präsentieren die Künstler unter den Vereinsmitgliedern ihre eigenen Arbeiten. Der ehemalige Leiter Martin Hentschel gab ihnen ein Thema, ließ sich Vorschläge machen, unter denen er schließlich eine Auswahl traf.

Der neue Leiter Andreas Jürgensen hält nichts von diesen Themen, weil das "Verhältnis Kurator - Künstler nicht schulmeisterlich sein soll", wie er sagt. Also ließ er die Künstler das einreichen, was ihnen beliebte, und er war es, der ein Thema aus den 300 Beiträgen herauskristallisieren wollte.

Ein Verfahren, das deutlicher als jede Ausstellung mit kuratorischem Programm aufzeigt, wie es um die aktuelle Kunst steht. Nichts, rein gar nichts scheint die Künstler im Moment zu beschäftigen. Nichts, außer der Kunst selbst. "Spinball" nannte Jürgensen entsprechend die Ausstellung, die als kleinsten gemeinsamen Nenner den Hang zum Spielerischen hat, auch zum Leichten, was zum Spiel gehört. Doch "spin", englisch drehen, hat auch seine Schattenseite: Das irrsinnige Kreisen um sich selbst, das beschränkte sich Versteifen auf die eigene Virtuosität.

So öffnet die Mitgliederschau nicht etwa den Blick auf Welt, sondern schränkt ihn ein auf kleine, beschauliche Spielarten, die man versucht, der Kunst abzuringen. Da gibt es die schon klassisch gewordene Konzentration auf das Material wie bei Bernhard Walz, der Acrylfarben satt aufspachtelt zu einem Wandrelief, appetitlich und von haptischer Genüsslichkeit -eine reele, aufrichtige Arbeit, die nicht mehr sein will, als sie ist. Oder, das "Gestell 6" von Ulrich Seibt, ein fragiler Aufbau von Wänden aus Brettern und Metallteilen, die nur durch Bänder fixiert werden und doch den Eindruck von Festigkeit vermitteln, nicht ohne die Frage nach Stabilität und Provisorischem aufzuwerfen. Heinz Thielen komfrontiert freie, gestische Malerei mit geometrischen Körpern, und freilich kann man immer wieder darüber nachdenken, wie Konstruktion und Expressivität sich zueinander verhalten. Steffen Schlichter hat Mauerwerk kopiert und klebt diese Streifen auf die Wand. Ein trompe-l'oeil wie auch bei Michaela Kern, die vier Hausfassaden abgemalt und die Balkone mit verschiedenen Mustern und Dekorationen versehen hat - ein fröhliches Spiel mit der Zwei- und Dreidimensionalität. Die Beiträge sind souverän und der Beschäftigung wert, doch der Erkenntniswert ist gering. Ein kurzer Aha-Effekt wie bei Daniela Dietmann, die ihren schlafenden Körper als Wollteppich geknüpft und auf den Boden gelegt hat - eine zunächst fremdartige Erscheinung, die sich bei näherer Betrachtung zu erkennen gibt, ohne ein letztes kleines Geheimnis zu bewahren. Oder die männlich-mächtigen Büsten, die Wang Fu mit Landschaftsmotiven bemalt hat - nicht mehr als eine Idee, die mit gutem Willen mit Bedeutung aufgeladen werden kann, aber letztlich doch schnell seine Methode preisgibt.

Andrea Zug hat Früchte auf Schirme gemalt, die sich nun gleichmäßig wie ein Ballett an der Wand drehen und an den Schnittstellen zu lustigen Mutationen fügen. Doch wozu? Die meisten der Künstlerinnen und Künstler sind in den Sechzigern geboren. Sie kennen die Ansprüche an aktuelle Positionen sehr wohl, aber vielleicht ist ihre Zeit noch nicht gekommen, Großes sagen zu können.

Eine Kunst, die fröhlich und unbeschwert mit der Welt umgeht, wie Kinder es tun. Es kann Spaß mit ihnen machen, aber interessant wird es wohl erst. wenn sie in die Jahre kommen.

Bis 10. Januar, geöffnet täglich außer montags 11 bis 18 Uhr, mittwochs 11 bis 20 Uhr.